Vortragende
Die Moderation erfolgte durch Tina Krischmann.
Der interviewpartner ist José Lino (Chair buildingSMART Portugal)
Beschreibung
Dieses Interview wurde im Rahmen der Reihe „Voices of openBIM“ während des buildingSMART International Summit in Porto aufgezeichnet. Die Reihe dokumentiert die Perspektiven führender Vertreter der internationalen Community und beleuchtet sowohl strategische als auch technische Entwicklungen rund um openBIM.
Zusammenfassung
From a contextual perspective…
José Lino beschreibt openBIM als einen Reifezustand, der die reine Konzeptphase bereits deutlich hinter sich gelassen hat. In vielen buildingSMART Chaptern weltweit laufen heute konkrete Aktivitäten zur Implementierung, Weiterbildung und Marktentwicklung. Gleichzeitig wird jedoch sichtbar, dass ein großer Teil dieser Arbeit nur begrenzt über die jeweilige nationale oder fachliche Community hinaus wahrgenommen wird. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild: Die tatsächliche Kraft der openBIM-Community ist bereits erheblich, ihre Wirkung bleibt aber vielfach fragmentiert, weil bestehende Aktivitäten noch nicht ausreichend miteinander verknüpft sind.
From a market perspective…
Aus Marktsicht befindet sich openBIM in einer Übergangsphase von einzelnen, engagierten Anwendungen hin zu einer breiteren industriellen Nutzung. Für diese Skalierung ist Verlässlichkeit entscheidend. Genau in diesem Zusammenhang hebt José Lino die Bedeutung von IFC4.x hervor. IFC4.x – einschließlich IFC4.3 und IFC4.4 sowie künftiger Minor-Releases – muss als stabile und belastbare Grundlage für laufende Projekte, Investitionen, Zertifizierung und langfristige Datenhaltung dienen. Ohne diese Stabilität bleibt die praktische Einführung von openBIM schwierig, weil Auftraggeber, Betreiber und Softwareanbieter keine verlässliche Basis für ihre Entscheidungen hätten.
A central observation is…
Eine der zentralen Beobachtungen des Interviews ist, dass die eigentliche Herausforderung heute nicht mehr primär in der Definition neuer Standards liegt, sondern in deren konsequenter Umsetzung. Der kritische Engpass liegt insbesondere bei der Softwareimplementierung. Solange IFC in Softwarelösungen nur teilweise, uneinheitlich oder unzureichend umgesetzt wird, bleibt Interoperabilität in der Praxis begrenzt. Damit verschiebt sich auch die Verantwortung: Der Mehrwert von openBIM hängt heute weniger an der Existenz der Spezifikation als an der Qualität ihrer industriellen Implementierung. Ergänzend dazu wird deutlich, dass auch Qualitätssicherungsmechanismen stärker in den Fokus rücken müssen, weil belastbare Interoperabilität nur auf der Basis validierter Modelle und konsistenter Daten entstehen kann.
From a technical standpoint…
Technisch skizziert José Lino eine doppelte Entwicklungslogik. Einerseits muss IFC4.x als stabiler, industriell einsetzbarer Backbone weitergeführt werden. Andererseits wurde am buildingSMART Summit 2026 in Porto mit IFC X erstmals ein neuer Begriff für eine künftige Entwicklungsrichtung eingeführt. IFC X ist dabei nicht als unmittelbare Ablösung von IFC4.x zu verstehen, sondern als konzeptioneller Folgeansatz, der einen dynamischeren Aufbau ermöglichen soll: IFC beschreibt weiterhin den stabilen Kern, während Erweiterungen modularer und flexibler entwickelt werden können. Genau darin liegt die strategische Bedeutung: Stabilität und Innovation dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern müssen parallel organisiert werden. In diesem Zusammenhang gewinnt auch der IFC Validation Service an Bedeutung, weil er als Instrument zwischen Spezifikation und Anwendung wirkt und nachvollziehbar macht, ob Modelle technisch korrekt und interoperabel erzeugt wurden.
Looking ahead…
Mit Blick nach vorne wird deutlich, dass technologische Entwicklung allein nicht ausreicht. Ebenso entscheidend ist der Aufbau eines gemeinsamen Verständnisses im Markt. José Lino verweist in diesem Zusammenhang auf das BIMcert Handbuch, das als strukturierte Wissensbasis und Ausbildungsinstrument eine wichtige Rolle spielt. Solche Formate schaffen Orientierung, harmonisieren Begriffe und Rollenverständnisse und helfen dabei, Standards nicht nur zu definieren, sondern auch fachlich sauber in die Praxis zu überführen. Für die Zukunft von openBIM bedeutet das: Standards, Implementierung, Validierung und Qualifikation müssen gemeinsam gedacht werden. buildingSMART ist damit nicht nur als Standardisierungsplattform gefragt, sondern zunehmend auch als koordinierende Instanz, die Anforderungen bündelt, Kompetenzen aufbaut und die Brücke zwischen Spezifikation und Anwendung verkürzt.
In a broader context…
Im größeren Zusammenhang zeigt das Interview mit José Lino sehr klar, dass openBIM heute vor allem eine Umsetzungs- und Integrationsaufgabe ist. Die Community ist aktiv, die technischen Grundlagen sind vorhanden, und die nächsten Entwicklungsrichtungen zeichnen sich ab. Entscheidend wird nun sein, diese Kräfte systematisch zusammenzuführen: stabile Standards wie IFC4.x, zukunftsorientierte Konzepte wie IFC X, vollständige Softwareimplementierungen, Validierungsmechanismen wie den IFC Validation Service sowie Ausbildungsformate wie das BIMcert Handbuch. Erst im Zusammenspiel dieser Elemente kann openBIM seine volle Wirkung als vertrauenswürdige, skalierbare und international anschlussfähige Grundlage der digitalen Bau- und Betriebsprozesse entfalten.
